Die "Zeller" Bibel von 1725

Das Druck- und Verlagshaus Endter in Nürnberg

 

Anfang Dezember 2018 schenkte Bezirksschornsteinfegermeister i. R. Rolf Oettinger unserer Kirchengemeinde eine Bibel, von der oben Bilder im originalen Erhaltungszustand zu sehen sind.

 

Gedruckt wurde sie 1725 im Druck- und Verlagshaus Endter in Nürnberg. Die Endter waren ein Großunternehmen, das von 1613 - 1793 halb Deutschland mit Bibeln und anderen Druckerzeugnissen, z. B. Kalendern und christlicher Erbauungs-Literatur, versorgt hat. Zum Unternehmen gehörten u. a. Druckereien, Setzereien, Papiermühlen und ein Vertrieb. Es gab eigene ständige Messestände in Frankfurt am Main und Leipzig, wohin die Herren Endter selbst jährlich zweimal hingereist sind. Mehrmals wurden sie dabei überfallen und verletzt, ein Familienmitglied wurde entführt und erst gegen Lösegeldzahlung freigelassen. Die Leistungsfähigkeit und Kompetenz dieses Druck - und Verlagshauses veranlasste die sächsischen Herzöge ihre repräsentativen Luther-Bibeln nach dem Erlöschen der Wittenberger Druckerfamilie Lufft und der Frankfurter Druckerei Feyerabend nun in Nürnberg drucken zu lassen. Es gab zwei Ausgaben. Die erste, teurere, aufwändigere und größere Ausgabe ist die sog. "Kurfürstenbibel". In ihr sind die sächsischen Kurfürsten mit schönen Kupferstichen abgebildet. Die kleinere und billigere "Dilherr-Bibel", die man für normal begüterte Leute auf den Markt gebracht hat, hat ihren Namen nach dem Verfasser ihres Vorwortes, dem Nürnberger Pfarrer und Professor Johann Michael Dilherr (1604-1669). Sie allein hatte 29 Auflagen von 1656-1788. Insgesamt lassen sich 76 Bibelausgaben der beiden Reihen in unterschiedlichen Größenformaten (Oktav; Quart und Folio) im Druck- und Verlagshaus Endter nachweisen. Ihre Bibeln waren zu ihrer Zeit die weitverbreitetsten in Deutschland. Allein im Pfarrhaus Schrozberg liegen heute 3 Endter-Bibeln, was durchaus etwas heißen soll. Die vollständigste Sammlung von Endter-Bibeln findet sich heute in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart; der zuständige Fachreferent ist der hoch sachkundige Herr Dr. Christian Herrmann.

 

 

Die Bedeutung der Bibel für unsere Kirchengemeinde

 

Unsere Endter-Bibel von 1725 ist eine von zwei Endter-Bibeln aus dem 18. Jahrhundert, die beide wunderschöne handgemalte Vorblätter und interessante familienbezogene Eintragungen enthalten. Beide waren im Eigentum von Bauernfamilien im kleinen Schrozberger Teilort und Weiler Zell. Unsere Bibel erlaubt uns also einen Blick auf Glauben und Leben in Zell im 18. Jahrhundert. Das Bild zeigt das Vorblatt der anderen Zeller Barock-Bibel der damaligen Familie Hetzel.

 

 

Der Weg unserer Bibel

Gedruckt in Nürnberg im Jahr 1725 wurde die Bibel von dem Heimberger Weber Hanns Georg Schmidt und seiner Ehefrau Anna Schmidt der Tochter Apollonia zur Hochzeit am 6.6.1730 geschenkt. Der Bräutigam war der  Bauer Hannß Michael Burkhardt aus Adolzhausen. Dieser war in erster Ehe verheiratet mit Amalia geb. Martini, die er am 22.2.1729 heiratete und die bei der Geburt der Tochter Anna Catherina am 8.1.1730 zusammen mit dem neugeborenen Töchterlein starb. Der Brautvater schenkt seiner Tochter Apollonia die Bibel mit dem handschriftlichen Vermerk, dass "Gott die neue Haushaltung mit seinem Segen reichlich überschütten wolle". Die Eheleute hatten zwei Söhne, Hans Simon *8.4.1731 und Johann Michael *13.12.1733.

Doch dann taucht die gesamte Familie Burkhardt in den Kirchenbüchern von Adolzhausen nicht mehr auf. Was war geschehen?

 

Bilder: Taufvermerk von Apollonia Schmidt am 30.10.1703 Kirchenbücher Wildentierbach / Tod von Ehefrau Amalia Burkhardt geb. Martini und Töchterchen Anna Catherina am 29.1.1730 Kirchenbücher Adolzhausen / Hochzeit von Michael Burkhardt und Apollonia Schmidt am 6.6.1730 Kirchenbücher Adolzhausen / Widmung in der Bibel vom Brautvater für Tochter Apollonia

 

 

 

1786 wird die Bibel in Adolzhausen verkauft. Warum, wissen wir nicht. Der Käufer aber war der Bauer Georg Martin Hahn (1.6.1749-21.5.1831) aus Zell. Er war verheiratet mit Eva Barbara geb. Hofmann aus Könbronn (1740-20.5.1801). Vermutlich gestaltete er im Jahr darauf 1787 das schöne barocke Vorblatt mit Besitzvermerk. Die Eheleute hatten einen Sohn mit Namen Johann Adam Hahn (16.2.1774-27.8.1804).

Johann Adam Hahn heiratete am 9.3.1802 in Oberstetten die aus Heimberg stammende Anna Barbara Rahn (15.12.1778 - 10.4.1841). 1803 wurde den beiden die Tochter Eva Barbara geboren. Doch nach knapp 2 1/2 Jahren starb der Ehemann Johann Adam Hahn.  

 

 

 

Johann Adam Hahn's Witwe Anna Barbara verheiratete sich wieder. Am 19.2.1805 schloss sie in Oberstetten die Ehe mit Georg Leonhard Prümmer, der aus Kälberbach stammte (heutiges Anwesen Ziegler). Die beiden hatten insgesamt 8 gemeinsame Kinder; aus erster Ehe kam die Tochter Eva Barbara hinzu, die selber unverheiratet blieb. Auch Georg Leonhard Prümmer hinterlässt einen Besitzvermerk, der allerdings grafisch wenig anspruchsvoll ist.

 

 

 

Georg Leonhard Prümmer hat folgende kurze Notiz auf der Widmungsseite des Heimberger Webers Schmidt an seine Tochter Apollonia hinterlassen:

"E 287 Ortsvorsteher Prümmer in Zell / ein baar Ochsen verkauft: an den Georg / den Juden Hirsch von Blaufelden"

Ein solcher Eintrag zeigt, dass ein Stück Papier im Hause Prümmer wohl nicht sogleich zur Hand war, und dass die Bibel an geistlichem Wert durchaus eingebüsst hatte.

 

 

 

Das erste Kind und zugleich der erste Sohn der zweiten Ehe der Anna Barbara geb. Rahn war ein Sohn mit Namen Georg Leonhard Prümmer. Er kam am 12.1.1806 zur Welt. Er blieb unverheiratet und starb am 30.4.1837 ein gutes halbes Jahr vor seinem Vater. Seine nächsten 5 Geschwister wurden maximal 5 Jahre alt.

Diesem Sohn Georg Leonhard Prümmer verdanken wir eine aufschlussreiche handschriftliche Notiz auf einer weiteren Vor-Seite. Dazu muss man wissen: Der Speckertshof (Speckhardshof) ist ein abgegangenes Gehöft, das wenige Meter hinter dem heutigen Hornungshof nahe bei Bartenstein in Richtung Ettenhausen lag. Auf alten Karten ist es noch eingezeichnet. Labeten ist ein Kartenspiel; Kücheln ist Kegeln.

 

Georg Leonhard Prümmer in hat aus Unvorsichtigkeit sich an das Karten

                                     Zell 1828

gemacht und hat angefangen zu Spielen mit dem Schneider=Meister Weeber und mi

Schneiders Gesell Klab Von Bardenstein sind miteinander naus in den Speckertshof

zum Friedrich nach und hat nähmlich Georg Leonhard Prümmer von Zell mit diesen

zwey ein gelassen zu Labeten und hat Georg Leonhard Prümmer verspilt ungefähr

gegen 17 Gülden ungefär in 3 Stunden und das ist geschen an Ostermontag den 8ten Apr

                                                                                                                        1828

und dadurch hatte Georg Leonhard Prümmer seinen Eltern ein sehr groß Leid Gemacht

hie gegen aber hat er das Spielen unter sagt und hat es Ganz Versprochen ein Lebtag

nicht mehr zu spielen, weder zu küchlen und zu Karten alles bleibet unterweg von der

Stund an Veleicht sind diese SiebenZehn Gulden sein Klück ins Weite an ford so geschlossen

und unter Schrieben von Georg Leonhard Prümmer ist alt gewesen 22 Jahr es wird gehalten.

Wenn dich die bösen Buben locken so folge ihnen nicht spricht Jesus Sirach seid

waker und seid stark im Geist des Herrn Vernünftig wie ein Mann  und klug wie

eine Schlange und ohne Falsch wie eine Taube und fromm wie ein Lamm

 

das hat gethan und geschrieben Georg Leonhard Prümmer in Zell 1828


 

Es blieb der Familie Prümmer noch ein Sohn mit Namen Johann Leonhard * 24.2.1815. Dieser heiratete am 8.11.1842 in der Lorenzkirche in Schmalfelden Marie Barbara Albig aus Großbärenweiler und zog dorthin. Seine Stiefschwester Anna Barbara heiratete im selben Jahr 1842 nach ?bronn. Die Bibel dürfte mit dem Sohn nach Großbärenweiler gewandert sein.

Um in Schmalfelden/Großbärenweiler einheiraten zu können, mußte er das dortige Bürgerrecht erwerben. Dazu wurde er am 9.10.1842 zusammen mit dem Bürgen und Zeugen Friedrich Brenz aus Zell vor dem Gemeinderat Schrozberg vorstellig um einen schriftlichen Nachweis über seine Person, seine Taufe und seine Vermögensverhältnisse zur Vorlage in Schmalfelden zu bekommen. 3500 Gulden brachte er mit, die er aus dem Verkauf des Hofes in Zell bekommen hatte. Der Verkauf des ansehnlichen Anwesens geschah an zwei "Makler",  den "resignierten Schultheiß Diehm von Wiesenbach" und den Johann Georg Kohr, "Bürger und Bauer zu Kälberbach". Diese beiden brachten den Kaufpreis auf. Ein erhaltener Kaufvertrag schlüsselt die Gebäude und Liegenschaften des Prümmer'schen Anwesens auf, das anhand der Landkarte von 1836 einigermaßen gut nachvollzogen werden kann. Diehm und Kohr verkauften das Anwesen wiederum in einigen Tranchen. Das "einstöckige Wohnhaus Nr. 8 samt Stallungen … eine Scheuer, und ein Schweinestall nebst Hofraithe" und Güter von überschlägig 40 Morgen Land (rd. 13 Hektar) ging 1842/43 an Georg Andreas Schuch.  

Georg Andreas Schuch wiederum ist in direkter Linie verwandt mit Herrn Karlheinz Bauer, der heute mit seiner Familie in Zell lebt.

 

Bilder: Landkarte von Zell von 1833 / Seite 1 des Kaufvertrages, den Diehm und Kohr mit Johann Leonhard Prümmer aus Zell geschlossen haben / Protokoll des Gemeinderates Schrozberg die persönlichen Verhältnisse Johann Leonhard Prümmers betreffend, zur Vorlage bei der Einbürgerung bzw. Einheirat in Schmalfelden/Großbärenweiler  

 

 

 

 

 

Johann Leonhard Prümmer und Marie Barbara geb. Albig hatten insges. 10 Kinder. Der älteste Sohn Michael (5.10.1843 - 8.4.1926) hatte mit seiner ersten Frau Sofie Margarete geb. Klenk aus Funkstatt 3 Kinder (von denen das dritte ohne Namen am Tage seiner Geburt starb). Der erste Sohn und Zweitgeborene Leonhard Friedrich *14.12.1878 verheiratete sich am 22. Juli 1902 nach Rückershagen mit Rosine Magdalena Hornung - Kinder sind im Familienbuch Schmalfelden keine eingetragen.

Leonhard Friedrich‘s Schwester Margarete Barbara blieb in Großbärenweiler und heiratete am 30. Sept. 1902 den wie sie selbst aus Großbärenweiler stammenden Bauer Friedrich Carl Johann Georg Maurer. Von ihren 4 Kindern überlebten nur zwei. Herrmann (geb. 16.8.1903) heiratete am 23.7.1931 Babette Kammleiter von Wolfskreut und Friedrich (geb.16.1.1906) heiratete am 27. Juni 1943 Frida Hepp aus Wiesenbach. Da der Name Maurer in Großbärenweiler dann in den Kirchenbüchern aufhört ist davon auszugehen, dass sich die beiden jeweils auswärts verheirateten. Wohin der Weg der Bibel führte, wissen wir nicht.

 

 

 

Wieder aufgetaucht ist die Bibel dann in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts auf einem Dachboden in Gammesfeld. Sie fiel dort dem Bezirksschornsteinfegermeister Rolf Oettinger auf. Er nahm sie als Geschenk mit; sie war in keinem guten Zustand mehr.

Das Haus, in dem die Bibel lag, gehörte dem Johann Barthelmäs. Es lag, wenn man von Gemmhagen her nach Gammesfeld einfährt, an der süd-östlichen Ecke der Abbiegung nach Metzholz, am Eck. Das Haus gehörte zu seinem elterlichen Bauernhof, einer viereckigen Anlage mit Stall und Scheuer. Es war ein mit Steinen gemauertes Haus, drinnen gab es schöne Standuhren. Johann Barthelmäs wurde am 29.3.1881 in Gammesfeld geboren und ist dort gestorben 10. Nov. 1962. Er blieb unverheiratet.

Johann Barthelmäs hatte eine Schwester Rosa *26.3.1877, die Hutmacherin wurde. Sie war eine Frau von Welt, war zweimal in Amerika, war in Paris und St. Petersburg. Schließlich hatte sie ein Putzmachergeschäft in der Oberstettener Straße in Schrozberg im Untergeschoss des Hauses Hermann und Carola Strauß mit Sohn Gunther,  wo sie in der Nacht des 8. Septembers 1944 beim Abwurf einer Fliegerbombe ums Leben kam. Am Tage des 8. Septembers war sie noch bei ihrem Bruder in Gammesfeld zu Besuch, sagte, sie müsse heute noch nach Schrozberg zurück. Dort liess sie das Licht im Haus an ohne die Fenster genügend zu verdunkeln - das war in Zeiten von Fiegerangriffen fatal.

Johann Barthelmäs hatte auch einen Bruder mit Namen Friedrich *5.12.1885 gest. 24.7.1952 verheiratet mit Sophie Katharina geb. Scheer (aus dem Bierhaus). Diese beiden hatten eine Tochter Sophie, *3.5.1921, verheiratete Deschner, die erst vor kurzem in hohem Alter verstorben ist. Wie die Bibel ins Haus Johann Barthelmäs kam, wissen wir nicht; irgend jemand hat sie dort deponiert.

Bezirksschornsteinfegermeister Rolf Oettinger aus Gerabronn hat die Bibel dann kurz vor Weihnachten 2018 der Evang. Kirchengemeinde Schrozberg geschenkt - mit dem Hinweis, sie „gehöre nach Zell“.

Der Kirchengemeinderat Schrozberg hat im Januar 2019 beschlossen die Bibel wieder herrichten zu lassen. Dabei wurde zweifelsfrei klar, dass einer unserer Kirchengemeinderäte in direkter Linie von der besagten Prümmer-Familie abstammt. Von der Bibel selbst hatte er nichts gewußt.

 

Bilder: Aufgenommen in der Werkstatt des Buchrestaurators Matthias Raum im Römerstein. Herr Raum zeigt, wie ein Buchblock gefestigt wird; man sieht den Ledervorrat für die Buchrücken, ein sehr dünnes China-Papierstück und einen in der Mitte im Naßverfahren gespaltenen 5 € - Schein - zerfleddertes Papier und ausgerissene fehlende Papierstücke werden in einem Naßverfahren angefasert. Die letzten 3 Bilder zeigen den Zustand der Bibel nach Restauration, diese Bilder stammen von Matthias Raum.

 

 

Historische Bibeln in Schrozberg am 19. November 2019

 

Am 20. November 2019 lud die Kirchengemeinde zu einem Abend über das Druck- und Verlagshaus Endter in Nürnberg ein. Wer eine alte Bibel in seinem Privatbesitz hatte, sollte sie mitbringen. Dr. Christian Herrmann, Fachbereichsleiter für Theologie und Philosophie in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart, begutachtete alle mitgebrachten Bibeln und ordnete sie von ihrem historischen Ort und Wert her zu. Die folgende Collage gibt Eindrücke dieses Abends wieder.