„Arm und verwaist stehen wir da“ Erinnerungen an den Brand der Stadtkirche in Kirchberg vor 90 Jahren in der Nacht vom 20. auf 21. Februar 1929

Aus einer Familienchronik

Stadtkirche aus der Blickrichtung "Parkplatz Neuer Weg"

Stadtkirche aus der Blickrichtung Stadtturm

„Am 21. Februar 1929 morgens um ½ 2 Uhr wurden wir durch den Ruf „Feuer“ geweckt. Unsere l(iebe) alte Kirchberger Kirche stand in hellen Flammen. Trotz aller Anstrengung gelang es nicht mehr, des Feuers Herr zu werden. Nun haben wir kein Gotteshaus mehr, arm und verwaist stehen wir da. Was hat das mir zu sagen? Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit d. Menschen ist wie des Grases Blume. Im Dez. 1931 hätte sie ihr 200jähriges Jubiläum gefeiert. Ein solch schönes Gotteshaus werden wir nie mehr bekommen.“ So der zu Herzen gehende Eintrag in die Familienbibel einer benachbarten Familie vom Brand der Barockkirche, die am 12. Dezember 1731 im Beisein des Bauherrn, Graf Friedrich Eberhardt von Hohenlohe-Kirchberg eingeweiht worden war. Die von Matthäus Krug erbaute Kirche bot nur noch einen trostlosen Anblick beim Wegräumen der Schuttmassen. Der „Vaterlandsfreund“ schreibt 1929: „Ergreifend, schaurig war der Anblick des brennenden Kirchturms, in welchem das Vaterunser-Glöckchen hing, dieses war glühend rot geworden, eine Stichflamme leckte hoch zum Turm hinaus, und darüber schien am klaren Himmel ruhig und mild der volle Mond – da prasselte die Glocke krachend hernieder! Die Feuerwehren von allen Nachbargemeinden waren sämtlich zur Hilfe geeilt;…Gute Dienste leistete ebenfalls die Haller Motorspritze, die unter schwierigsten Umständen reichlich Wasser aus der Jagst herbeischaffte. Den vereinten Bemühungen gelang es, größeres Unheil zu verhüten und die angrenzenden Gebäude zu schützen.“

Stadtpfarrer Gottlob Diez schrieb am 27. Februar 1929 im Evangelischen Gemeindeblatt für Hornberg und Kirchberg an der Jagst über die Brandursache: „Auch in den Wintermonaten ist nie jemand darauf aufmerksam geworden, daß etwas (mit dem Ofen auf der Empore) nicht in Ordnung gewesen wäre, auch die nicht, die in nächster Nähe des Ofens saßen. Es ist und bleibt ein Rätsel, wie trotzdem das Feuer ausbrechen konnte, und der Schleier, der das Geheimnis deckt, wird wohl niemals gelüftet werden.“

 

Dramatische Szenen spielten sich auch um die Orgel ab, von der nach dem Brand „nichts zu sehen war als einige Drähte; die Pfeifen sind restlos geschmolzen.“ Der Vaterlandsfreund schreibt dann weiter: „Die Orgel…war ein großartiges, wunderbar schönes Kunstwerk, wie es deren weit und breit nur ganz wenige gibt. … Ihr Wert war einfach unschätzbar. Herr Oberlehrer Schmidt, der als einer der Ersten an der Brandstelle war, -die Schule liegt ja dicht bei der Kirche,-eilte die Treppe hinauf, um seine Noten …zu retten. Der Treppengang links war noch rauchfrei; aber als er die Türe zum Orgelraum öffnete, schlug ihm solch ein gewaltiger Qualm entgegen, daß er unverrichteter Dinge eiligst zurückweichen mußte.“ Weiter hieß es vom Orgelspieler der einzigen dreimanualigen Orgel in Hohenlohe: „Herr Präzeptor Schäfer von hier gedachte in Kurzem den Tag zu feiern, an dem er vor 50 Jahren dazu berufen war, zum ersten Mal die Orgel in der nun zerstörten Kirche zu spielen. Eine lange Reihe von Jahren hindurch hat er mit voller Hingabe das Organistenamt bekleidet, die schöne Orgel war ihm lieb geworden. Wie schmerzlich der alte Herr getroffen ist, kann man ihm nachfühlen.“ Die alte Orgel, erbaut 1731/32 von dem Kirchberger Orgelbauer Philipp Heinrich Hasenmaier wurde dann ersetzt durch eine neue zweimanualige Orgel von Friedrich Weigle. Dieses elektropneumatische Instrument muss die Kirchengemeinde in den nächsten beiden Jahren für rund einhunderttausend Euro aufwändig restaurieren.

 

Stadtpfarrer Gottlob Diez und die Gemeinde wandten sich in allem Schmerz und aller Trauer bald dem Entschluss zu, die Kirche wiederaufzubauen. Die Stuttgarter Architekten Klatte und Weigle wurden vom Oberkirchenrat in Stuttgart damit beauftragt, eine moderne Kirche zu schaffen. Schon ein Jahr später, fast genau am Unglückstag, am 23. Februar 1930 wurde die Kirche unter Beisein des „Landesbischofs“, Kirchenpräsident Theophil Wurm wieder eingeweiht. Allerdings wurde die Kirche nicht im Barockstil wiederaufgebaut, sondern im modernen Stil mit Elementen des Art Deco. Die Urteile über den von vielen namhaften Künstlern der damaligen Zeit mitgestalteten neuen Kirchenbau, wie dem Schwäbisch Gmünder Professor Jakob Fehrle und dem Stuttgarter Glaskünstler Walter Kohler fielen ganz unterschiedlich aus. Während Stadtpfarrer Gottlob Diez den Architekten lobte, dass er „das ihm geschenkte Vertrauen glänzend gerechtfertigt und der Gemeinde ein Gotteshaus erstellt hat, das in seiner Art nicht weniger reizvoll ist als das alte, wenn es auch zu jenem in einem schroffen Kontrast steht,“ urteilt der Dekan des Kirchenbezirks Langenburg Albert Borst: „Die Kirche ist ein Gräuel.“ Der frühere Kirchberger Stadtpfarrer Karl Friedrich Schnizer (1890-1910) hat die neue Kirche bewundernd und einladend so beschrieben: „Es sind würdige und heilige Formen, und Einheimischen wie auch Auswärtigen sei es gesagt: das Frankenland ist um eine Andachtsstätte und originale Sehenswürdigkeit reicher geworden, die einen Besuch auch aus größerer Entfernung voll belohnt.“

Pfarrer Alfred Holbein